Marc Moser ist Make-up-Artist in Zürich und steht regelmässig als Drag-Queen auf der Bühne. Nach mehr als zehn Jahren lernt er seine Drag-Figur Agyness Champagne als Identitätserweiterung kennen.
von Raffael Sigron
«In der goldenen Mitte fühle ich mich am wohlsten!» sagt Marc Moser. Pronomen spielen für Moser keine grosse Rolle. Er sitzt in einem Café in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofes. Seine langen blauen Nägel fallen sofort ins Auge. Durch sein Erscheinungsbild wird er oft als Mann gelesen. Das ist aber nur ein Teil seiner Identität, den anderen Teil zeigt er auf eine andere Weise. Bei seinen Auftritten verwandelt sich Moser in Agyness Champagne. Sie ist ein high-fashion Model, Door-Goddess am Eingang von Clubs und Performerin und war schon an zahlreichen Events in der Schweiz, Österreich und Deutschland zu Gast. Für Moser sei sie eine Art Identitätserweiterung und er könne sein Frausein ausleben. Er fühle sich wohl in seinem Körper. Etwas daran zu ändern oder ganz als Frau zu leben, käme für ihn daher nicht in Frage. So habe er seinen Weg in der goldenen Mitte gefunden.


Nicht immer war es für Moser so einfach, seine Identität auszuleben. Er ist einem ländlichen Teil der Schweiz aufgewachsen, was für ihn nicht immer einfach gewesen sei. «Meine Schulzeit war für mich das Schlimmste in meinem Leben», sagt er ernst, aber gefasst. Er sei oft verprügelt worden. Das habe seine Entwicklung und sein Leben stark geprägt. Seine Familie habe ihn aber immer unterstützt. Sie hätten schon immer geahnt, dass er schwul sei, sagt er. Nach seinem Outing hatten sein Vater und sein Bruder mit der Gewissheit zu kämpfen, gaben sich aber stets Mühe, ihn zu verstehen und zu unterstützen. Viele Aspekte seiner Vergangenheit hätten Mosers aktuelles Leben beeinflusst. Ein Aspekt davon sei sein Perfektionismus.
Dieser Perfektionismus und seine Liebe zur Vielfalt halfen Moser bei seiner Ausbildung als Frisör. Sein Können konnte er dann auch in der Make-up-Artist Schule «Art of Make-up» in Zürich unter Beweis stellen. Heute arbeitet er neben seinen Auftritten als Drag Queen als Hair- und Make-up-Artist in der ganzen Schweiz.
Agyness Champagne betritt die Bühne
Schon seit seiner Kindheit war Moser von der Make-up-Technik der Drag Queens fasziniert. In seiner Ausbildung konnte er diese Leidenschaft noch vertiefen. Bis er sich im Jahr 2013 das erste Mal als Agyness Champagne zeigte. Sie sei eine Grand-Dame und Supermodel, sagt Moser stolz, aber auch lieblich, herzhaft und offen. Durch ihre Präsenz und ihre Grösse von 198 Centimetern seien viele Menschen etwas eingeschüchtert und sogar ehrfürchtig, wenn man aber den Mut fasse und sie anspricht, könne man ihre Offenheit spüren. Mit der Zeit wurde Agyness Champagne immer nahbarer, wie Moser erzählt.
Die Beziehung zwischen ihm und seiner Drag-Persönlichkeit habe einen Prozess durchlaufen. Früher war es ihm immer wichtig, Agyness Champagne klar von sich als Marc Moser zu trennen. Das heisst, als Drag habe er eine Rolle gespielt und habe beispielsweise immer darauf geachtet in Drag alle seine Tattoos zu verdecken. Sie waren Teil von ihm als Marc, und als Agyness Champagne sollten sie nicht zu sehen sein. Heute sieht Moser Agyness Champagne nicht mehr nur als Rolle. Das wird im Gespräch deutlich. Wenn er über sie spricht, spricht er von sich in der ersten Person. Früher habe er in der dritten Person über sie gesprochen und sich selbst somit klar von ihr abgegrenzt. Nicht bei allen Drag-Queens sei es so. Aber er habe so seinen Weg gefunden, sagt Moser.
Drag-Queens schaffen Sichtbarkeit
In der Szene hat Moser oft mit anderen Drag-Queens zu tun. Es sei eine kleine Welt, erzählt er, und man kenne sich untereinander. Die Queens seien im gesamten deutschsprachigen Raum miteinander vernetzt. So sei er auch zu Auftritten in Wien oder Berlin gekommen. Laut Moser gab es nach den Queens der 1990er- und 2000er-Jahren in Zürich lange keine Drag-Szene mehr. Erst im Jahr 2013 habe er mit den Drag-Queens Milky Diamond und Vicky Goldfinger im Heaven Club in Zürich wieder damit begonnen. «Es ist schön, eine der ersten zu sein.» sagt Moser. Sich selbst würde er als Mitbegründerin der Szene bezeichnen. Es habe die Szene gebraucht, fügt er hinzu. Bis heute gäbe es Menschen, die nicht wissen, was eine Drag-Queen ist und wofür sie steht. Diese Aufgabe übernehme er gerne. Schon bei den ersten Pride-Demos waren es Trans-Menschen und Drag-Queens, die auf queere Lebensrealitäten aufmerksam machten. Und diese Rolle übernehmen sie bis heute in unserer Gesellschaft. Auf die Aufklärung, die Moser bis heute betreiben konnte, ist er besonders stolz. Er durfte mehreren Schweizer Medien Interviews geben.
Eigentlich sei Moser mit seinem jetzigen Leben sehr zufrieden. Für ihn sei die Abwechslung zwischen Drag-Auftritten und seiner Arbeit als Make-Up-Artist perfekt. Dennoch könnte er sich gut vorstellen, als Agyness Champagne in die Beauty- und Modebranche einzusteigen, um zu modeln. Was seine Reichweite betrifft, habe er sich im letzten Jahr bei der TV-Sendung «Drag Race Germany» beworben. Es handelt sich dabei um eine deutsche Version der amerikanischen Casting-Show für Drag-Queens «Rupaul’s Drag Race». Er wurde nicht ausgewählt. Im Nachhinein sei er allerdings froh darüber. Nach einer erfolgreichen Show könnte es sich so entwickeln, dass die Drag-Auftritte zu Mosers Hauptberuf werden könnten. Aber seine Arbeit aufzugeben, könne er sich nicht wirklich vorstellen.
Es ist die Mischung zwischen beiden Welten, die Moser wichtig ist. Die Drag-Kunst und ihr Frausein als Agyness Champagne auf der einen Seite und seine Leidenschaft für Make-up als Marc Moser auf der anderen Seite.
Das Porträt ist im Rahmen eines Praxismoduls der ZHAW entstanden.
(Beitragsbild: Marc Moser)


